Welkenfeld - Eine Geschichte des Versagens (Teil 2)

  Der Wanderer schlenderte lustlos die Zypressenallee hinab, der einzige Weg der seinen Wohnsitz mit dem Dorf verband. Höhnend verspottete ihn das Gekreische der Raben, die hinterlistig ihre Kreise über dem Kopf des Dichters zogen. Diesen Verrat der Natur an ihm verärgerte Heinrich Welkenfeld besonders, weil er sie eigentlich bisher immer als seine Verbündete angesehen hatte. Menschen waren ihm, bis auf wenige Ausnahmen, verhasst doch die Natur war für ihn immer eine Leinwand gewesen auf die er mit sorgsam ausgeführten Pinselstrichen seine Gedichte aufmalte. Heinrich Welkenfeld dachte an den Winter zurück in dem „Melancholia” entstand. Ein harter Winter war es damals, die Landschaft erstickte fast unter der weißen Decke und viele Menschen erfroren in der Kälte. Doch für Heinrich Welkenfeld war es eine Zeit höchster Freude, kein Tag verging ohne ein neues Gedicht und so setzte sich „Melancholia” am Ende aus nicht weniger als 200 Gedichten zusammen. Ein selbstzufriedenes Grinsen huschte dem Alten über sein maskenhaftes Gesicht. Er mochte die Bewunderung die man ihm entgegenbrachte. Mancher warf ihm vielleicht Überheblichkeit vor, doch Heinrich Welkenfeld kümmerte es nicht. Er war stolz auf die Kreationen seiner lyrischen Ausritte und genoss den stillen Neid der hinter den Aussagen seiner Kritiker anschwoll. Doch dieser kurze Moment des Glücks musste schon bald wieder seiner momentanen Frustration weichen, als er die ersten Häuser des Dorfes vor sich sah. Ohne Schnee wirkte es für ihn dreckig und abscheulich und nur mit größtmöglicher Selbstüberwindung setzte er Schritt in die verwerfliche Stätte.

Natürlich kannte man ihn im Dorf und viele die seinen Weg kreuzten, grüßten ihn freundlich. Heinrich Welkenfeld erwiderte es, labte sich an der Bewunderung, doch zugleich wurde ihm Bewusst wie sehr er sie alle verabscheute. Für ihn blieben sie auf ewig mit der Erinnerung an seinen ihm verhassten Vater verbunden, der ihn lieblos verstieß, weil er nicht seinen Vorstellungen eines „nützlichen” Sohnes entsprach. Umso mehr hatte Heinrich Welkenfeld es genossen, nach seines Vaters Tode das alte Familienhaus abzureißen und sein Herrenhaus über dem Grab seiner Vergangenheit zu errichten. Nach einigen Minuten ziellosen Wanderns, fühlte er ein leichtes Unwohlsein, wahrscheinlich bedingt durch die ungewöhnliche Milde dieses Winters. Heinrich Welkenfeld entschloss sich, im lokalen Bistro eine kurze Pause von seinem Spaziergang einzulegen. Kaum hatte er das Etablissement betreten, eilte der Wirt auch schon zu ihm, begrüßte ihn herzlich, nahm ihm den Mantel ab und platzierte ihn an seinem besten Tisch. Heinrich Welkenfeld bestellte ein Glas italienischen Rotweins und sah sich im Lokal um. Am Fenster saßen der Schreiner und sein Lehrling, grobe Hünen mit schrecklichen Manieren, tranken Bier und verschlangen zwei viel zu fettige Omeletts. Der Meister war ein wahrer Ochse, mit breiten Schultern und einem monströsen Kopf, der sich wie ein schroffes Gebirge aus seinem schrankartigen Körper erhob. Seine Arme waren mit Fleisch überzogene Keulen, seine Hände von der Arbeit mit dem Holz gezeichnet. Doch das abstossendste seines ganzen Wesens war sein fratzenhaftes Gesicht. Seine Augen stießen unnatürlich hervor während seine eingedrückte Nase ihm die Erscheinung eines Dämons gab. Seine Zähne, das heißt die die noch übrig waren, waren vergilbte Zacken die sich scheinbar jedweder Symmetrie wiedersetzten. Der Geselle wirkte wie der Schatten seines Meisters, er besaß die gleiche Grundfigur, jedoch in abgeschwächter Form. In ihrer Gemeinsamkeit waren die beiden ein so abscheulich wildes Bild für den Ästheten Heinrich Welkenfeld, dass er seinen Blick angewidert von ihnen abwandte. Dem Beobachtenden gegenüber saß der Dorflehrer, ein kleinkarierter Pedant, der hin und wieder an seinem Grog nippte. Er war ein schmächtiges altes Gerippe, seine spindeldürren Gliedmaßen waren unnatürlich lang und erinnerten an die haarigen Beine einer heimtückischen Spinne. Auf seinem Nasenrücken bohrte sich eine kalte Brille in sein Fleisch, überwuchert nur von dem Gestrüpp welches seine Augenbrauen waren. Seine Haut war so bleich und abgetragen, dass der Rastende sich nicht ganz sicher war ob dieses Wesen nicht eher tot als lebendig war. Heinrich Welkenfelds Blick schweifte schließlich zum Schanktisch und wie von einem Pfeil tödlich getroffen, zuckte er zusammen.

Die „Galanterien im Mondschein” sind die Verkörperung von Heinrich Welkenfelds anderer Inspirationsquelle. Jedes einzelne dieser Gedichte geht auf eine Frau zurück, die seine Gedanken zu einer bestimmten Zeit seines Lebens beherrscht hat. Manch einer würde wahrscheinlich von Geliebten sprechen, doch Heinrich Welkenfeld selbst zog den Begriff der Muse vor. Dies vor allem, weil er mit keiner einzigen dieser für seine Gedichte so wichtigen Frauen, je auch nur ein Wort gewechselt hatte. Natürlich hatte er sie geliebt, er hatte sie für ihr Aussehen aber auch für ihre Persönlichkeiten, ihr Verhalten ja sogar für die Tonlagen ihrer Stimmen geliebt. Er hatte diese Frauen auch begehrt, doch selbst die Vorstellung von körperlicher Vereinigung mündete letztendlich immer in einen rein geistigen Akt. Die Liebe wie Heinrich Welkenfeld sie für diese Frauen empfand war eine künstlerische Liebe, es war eine Verehrung der Schönheit, sowohl der physischen wie auch der geistigen, welche diese Frauen für ihn verkörperten. Das Gefühl der Liebe war der Antrieb für Heinrich Welkenfelds Inspiration und ohne es je zu wissen haben diese Frauen durch ihre alleinige Existenz die Entstehung jener allseits gepriesenen Gedichte überhaupt erst möglich gemacht. Während seines gesamten bisherigen Lebens hat Heinrich Welkenfeld nie auch nur an eine andere Form der Liebe gedacht. Nie kam ihm auch nur der bloße Gedanke, diese Frauen aktiv in sein Leben zu integrieren. Heinrich Welkenfeld liebte und brauchte seine Musen. Doch sein Leben teilte er nur mit der Kunst.

Am Schanktisch saß ein Mädchen, Welkenfeld schätzte es auf Anfang 20. Unter seiner wollenen Mütze quoll kastanienbraunes Haar hervor, welches sich ungezähmt um seinen zerbrechlichen Hals legte. Es war nicht sehr groß, seine Füße baumelten munter vom Hocker herab. Der Verfallene konnte es nur im Profil beobachten, doch erhaschte er den Glanz seiner smaragdgrünen Augen. Es war vertieft in die Lektüre eines kleinen, eher dünnen Buches, ein Gedichtband möglicherweise? Vor ihm auf dem Tresen stand ein Glas Weißwein welches es mitunter an seine natürlich rötlichen Lippen führte. Seine Kleidung bestehend aus einem olivgrünen Pullover und einem dunkelbraunen Rock verlieh ihm eine liebliche Grazie. Von seiner ganz eigenen Unscheinbarkeit ging eine geheimnsivolle Anziehungskraft aus, welche den Fantasierenden nach und nach komplett einnahm. Heinrich Welkenfeld war fast schockiert über den Anblick dieser jungen Blume. Nie hatte er in seinem Leben schöneres erblickt, nie ein solch intensiv körperliches Gefühl einem anderen Menschen gegenüber empfunden. Wie mechanisch zitierte er leise aus dem Gedächtnis:

„Und, zu enden meine Schmerzen, Ging ich einen Schatz zu graben. Meine Seele sollst du haben! Schrieb ich hin mit eignem Blut.”

Dies war nicht einfach eine weitere Muse, dies musste Euterpe persönlich sein, die dem Berauschten in diesem niederen Lokal erschienen ist! Gierig sog er an seinem Rotwein und genoss die Wärme die durch seine Adern floss. Das schwarze Ross schlug leidenschaftlich in seinem Kerker aus, es will geritten werden vom Betörten. Doch es musste sich noch gedulden, Heinrich Welkenfeld hatte nämlich beschlossen mehr über dieses Mädchen erfahren zu wollen. Ihn gierte es nach einem Namen, einer Stimme, einer Persönlichkeit. Das Mädchen fest im Blick, beschloss der Habsüchtige zu warten, bis es das Lokal verließ und es bis dahin weiter zu begutachten. Während Heinrich Welkenfeld diese Gedanken fasste, verdunkelte sich draußen der Himmel. Es schien ein kalter Abend zu werden.