Welkenfeld - Eine Geschichte des Versagens (Teil 3)

Mindestens 50 Minuten vergingen, während denen Heinrich Welkenfeld wie zur Marmorstatue erstarrt, von seinem Platz aus das Mädchen begutachtete. Eine jugendlich-naive Freude breitete sich in seinem Inneren aus, wie jedes mal wenn er eine neue Muse zum ersten Mal erblickte. Ach, wie wunderbar wird er dichten! Dieses Mädchen allein wird die Saat für einen eigenen Band sein, für einen lyrischen Baum mit hunderten von wunderschönen Knospen und Blüten! Der Ergriffene ließ seinen Blick über den gesamten Körper seiner Begierde wandern. Diese Form, diese Zartheit, diese romantisch-wilde Schönheit! Doch Heinrich Welkenfeld wollte mehr, dieses Kunstwerk brauchte einen Titel. Er überlegte sich welchen Namen es wohl tragen würde, einen melodiösen aber dennoch einfachen Namen wahrscheinlich. Er stellte sich vor wie er heute Abend an seinem Schreibtisch sitzen würde, das dunkle Ross zu reiten, während der Name über der lyrisch-lustvollen Orgie hallte wie ein bacchantisches Mantra. Ohne sein Wissen würde er des Mädchens reine Essenz in seine ihr vorbestimmten poetischen Formen gießen, sie von Hand in stundenlanger Arbeit zur Perfektion führen bis er zufrieden seinen Namen über das vollendete Werk setzen würde. All dies war noch zu kommen, doch im Moment war er noch der dem Rausch des Moments verfallene Pygmalion, der seine Muse in einem verkommenen Bistro beobachtete. Von einem Moment auf den anderen kam jedoch Bewegung ins Spiel, das Mädchen bezahlte sein Glas Weißwein und verabschiedete sich vom Wirt. Dieser bedankte sich einen Tick zu freundlich und verabschiedete es mit den Worten: „Auf Wiedersehen, meine Liebe!”. Heinrich Welkenfeld verfluchte den Wirten leise, warum konnte er es nicht beim Namen nennen? Er griff zügig nach seinem Mantel, drückte dem Wirt das Geld in die Hand und stürmte dem Mädchen hinterher.

Vor dem Bistro hielt der Aufgeregte einen Moment inne. Das Mädchen war gerade in eine Seitenstraße eingebogen und wenn er es nicht verlieren wollte, musste er ihm sofort folgen. Doch Welkenfeld dachte über sein Handeln nach und fragte sich ob er es wirklich nötig hatte zum greisen Voyeur zu verkommen. Nein, man war doch schließlich nicht Aschenbach in Venedig. Heinrich Welkenfeld entschloss sich, nach Hause zu gehen und sich dem lyrischen Akt zu widmen. Am Himmel waren inzwischen dunkelgraue Wolken aufgezogen die zu einem heftigen Temperatursturz beigetragen hatten. Zufrieden mit sich selbst machte der Entschlossene sich auf den Heimweg. Winterliche Kälte und eine neue Muse brachte er von diesem Spaziergang mit nach Hause. Seine Frustration des Morgens war vollständig verflogen und sein Herz schlug aufgeregt in seiner Brust. Welche Lust zu leben! Die trügerische Landschaft schien im nun weniger feindlich, die Flüche der Raben erklangen dem Geblendeten nun eher als anziehender Sirenengesang, das Versinken der Landschaft in einem weißen Meer als kurz bevorstehendes Ereignis. Die Natur erschien ihm wieder als seine Geliebte die ihn lediglich neckisch warten ließ. Während ihr kalter Atem seinen alten Körper umschloss, dachte Heinrich Welkenfeld daran wie sehr er andere Menschen eigentlich verabscheute. Desinteressierte Flegel die sich mit klammernden Organen an ihre materialistische Existenz halten. Natürlich kauften viele seine Bücher, doch der Verbitterte wusste ganz genau, dass die meisten sie nicht verstanden oder sogar überhaupt nicht lasen. Ihm war es eigentlich auch herzlich egal, er wusste um die Bedeutung seiner Kunst und solange sie ihn als den großen Dichterfürsten verehrten interessierte er sich nicht für ihre jämmerlichen Existenzen. Denn Heinrich Welkenfeld war der einsame Poet, der hinter den massiven Mauern seiner Festung der Kunst, Tag für Tag den Dienst Apolls ohne Widerspruch erfüllte.

Als eben jene sich langsam am Horizont bemerkbar machte, zog der Frierende sein Tempo abermals an. Die wilde Natur um ihn herum schien ihm fast lebendig. Ihm war als ob die abgestorbenen Bäume ihre Äste nach ihm ausstrecken würden, wie dämonische Geschöpfe die den Sünder mit ihren Krallen in das ewige Erdloch werfen wollen. Die bleichen Gräser zitterten wie in Furcht beim Vorbeiziehen des Verurteilten. Die Wolken wurden dunkler und dichter, ganz als ob sie versuchen würden dem Verirrten das Licht zu nehmen. Heinrich Welkenfeld wurde nervös, er mochte die Atmosphäre nicht die über ihm lag wie ein Leichentuch. Doch warum? Üblicherweise erfreute er sich doch am Verfall, an der makaberen Morbidität einer dem winterlichen Tod ausgelieferten Landschaft. Doch an diesem Abend war etwas anders, zum ersten Mal schien Heinrich Welkenfeld nicht der Beobachter, sondern der Beobachtete zu sein. Dem Getriebenen schien es, als ob die fratzenhafte Landschaft ihm direkt in die Seele schaue. Zwei tiefe Furchen ritzten sich in seine Stirn. Niemand hatte ihm in die Seele zu schauen! Er musste sich nicht rechtfertigen, nicht vor seinen primitiven Mitmenschen und auch nicht vor seiner geliebten Natur. Sie alle hatten ihm zu dienen und ihn zu bewundern, ihn der die Essenz des Lebens mit sorgfältigen Handgriffen ins weiße Marmor des Papiers schlägt. Der Gehetzte bemerkte mit Erleichterung, dass die schwere Eingangspforte seiner Villa fast in Reichweite war. Wie ein Verbrecher auf der Flucht, hastete er schnell durch den Innenhof zur aufwendig verschnörkelten Eingangstür und rettete sich in die leeren Hallen seines Heims. Er musste während einiger Minuten tief durchatmen bis er sich wieder gefasst hatte. Es war still. Heinrich Welkenfeld musste nun schreiben.