Welkenfeld - Eine Geschichte des Versagens (Teil 1)

Es war ein ungewöhnlich warmer Wintertag. Heinrich Welkenfeld beobachtete die wenig winterlich anmutende Landschaft von seinem Arbeitszimmer aus. Während die meisten Bürger den milden Winter genossen, kam er für ihn einer Katastrophe gleich. Heinrich Welkenfeld mochte, nein liebte, den Winter und in gewisser Weise war er auch von ihm abhängig. Der Winter, mit seiner Kälte und Dunkelheit, war für ihn nämlich eine Zeit kreativen Schaffens. Seine Meisterwerke „Winterblüten”, „Melancholia” und „Galanterien im Mondschein” waren allesamt während der frostigen Jahreszeit entstanden. Doch in diesem Jahr erwies sich der Winter als Verräter, ohne Schnee und viel zu hell war er bisher gewesen. So kam es denn auch, dass Heinrich Welkenfeld seine Zeit bisher mit Belanglosigkeiten verbracht und nicht mehr als einige wenige Artikel für das regionale Feuilleton verfasst hatte. Dies frustrierte ihn zutiefst, da das kreative Schaffen für ihn mehr als nur eine Beschäftigung wie jede andere war. Rilke, den er in seinen jungen Jahren mit Eifer studierte, schrieb einmal an den jungen Dichter und Soldaten Franz Kappus:

„Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben?”

Heinrich Welkenfeld hatte die Antwort auf diese Frage schon früh in sich gespürt. Er musste schreiben. Die Literatur war für ihn gleichgesetzt mit atmen und trinken. Sie hielt ihn am Leben. Sie bestimmte seinen Alltag mehr als der Laie zu ahnen glaubte. Dichter ist nicht einfach ein Zustand, den man nach Belieben abschalten kann. Die Lyrik ist wie eine fremde Macht, die einen unbewusst regiert. Sie ist ein leidenschaftlicher Hengst, der gezähmt werden will. Jedoch sind selbst Meister wie Heinrich Welkenfeld, die ihr Leben ganz der Zähmung und Erforschung des dunklen Rosses verschrieben haben, nicht sicher vor seinen wilden Ausschlägen, die den Künstler mit abrupter Gewalt aus seinem sicheren Sattel werfen können. Heinrich Welkenfeld dachte in diesem Moment allerdings nicht an das Wesen der Lyrik. Er stand am Fenster seines Arbeitszimmers und blickte missbilligend über diese von der totalen Abwesenheit jeglichen winterlichen Elementes geprägten Landschaft. Auf seinem Schreibtisch rechts neben ihm lag ein Stoß weißen Papiers, welcher ihm ein Dorn im Auge war. Doch da Verzweiflung nicht in seiner Natur lag und der Winter noch jung war, entschloss er sich einen Spaziergang zu unternehmen. Er kleidete sich in seinen schwarzen Ausgehmantel und verließ seinen Wohnsitz mit der schwachen Hoffnung, dass ihm dieser Spaziergang vielleicht die nötige Inspiration verschaffen möge.

Heinrich Welkenfeld wurde vor vielen Jahren in einem unbedeutenden Dorf als einziger Sohn einer Bauernfamilie geboren. Schon als Kind offenbarte er wenig handwerkliches Talent, dafür aber eine enorme intellektuele Begabung. Sein Großvater mütterlicherseits, der ehemalige Lehrer der Dorfschule, lehrte ihn Latein und mutete ihm die Lektüre von Goethe und Schiller an. Altgriechisch brachte er sich selbst bei und er begann die antiken Meister zu lesen, von denen vor allem Homer und Vergil ihn äußerst faszinierten. Da sich seine Arbeit nur auf die Lektüre von Büchern beschränkte, erschien er seinem Vater zunehmend nutzloser und wurde schließlich von diesem des Hauses verwiesen. Da sein Großvater das Talent des angehenden Schriftstellers erkannte, sorgte er dafür, dass der damals 16-jährige bei einem Professor der benachbarten Universität aufgenommen wurde. Dieser weckte sein Interesse an der französischen Literatur und ermutigte ihn die französische Sprache zu erlernen. Bald schon fand er seine wichtigsten Vorbilder in den Dichtern Charles Baudelaire und Paul Verlaine, welche ihn wiederum zur Lektüre Rilkes und Hofmannsthals bewegten. Mit 25 veröffentlichte er schließlich „Winterblüten”, seinen ersten Lyrikband, welcher sofort auf breite Anerkennung stieß. Er wurde als Genie und Jahrhunderttalent gefeiert und spätestens mit der Veröffentlichung von „Melancholia” war seine Person fest mit dem Titel „Dichterfürst” verbunden. Bald schon gehörten seine Gedichte zum Pflichtprogramm in sämtlichen Schulen des Landes und galten bereits als Klassiker der deutschen Literatur. Heinrich Welkenfeld zog wieder in sein Herkunftsdorf und dort wo einst das alte Bauernhaus stand, welches ihn verstoßen hatte, thronte nach Umbauarbeiten von mehreren Monaten eine mächtige Villa die den sozialen Rang ihres einsamen Bewohners für alle Einwohner deutlich machte.

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Der nächste Teil von „Welkenfeld – Eine Geschichte des Versagens” erscheint nächsten Sonntag auf just-thoughts.net.